Pessimistische Psychotherapie I

[Diese Abhandlung ist offensichtlich von weinerlichem existentialistischem Gedankengut inspiriert. Und ich bin natürlich auch nicht der erste, der auf eine fruchtbare Verknüpfung von Existentialismus und Psychotherapie hinweist. Zu einiger Bekanntheit gelang beispielsweise die existentielle Psychotherapie von Irvin Yalom. Allerdings war Yalom noch ziemlich von der Psychoanalyse beeinflusst und ignoriert meines Wissens nach viele neuere psychologische Erkenntnisse. Mein Ziel ist hier gewissermaßen die Kombination von existentialistisch-pessimistischer Philosophie und evolutionärer Psychologie.]

Der Großteil der Psychotherapeuten – und auch der Menschen im Allgemeinen – ist der Meinung, dass die Existenz grundsätzlich etwas Gutes ist und dass folglich mit Depressiven etwas nicht stimme, dass sie die Schönheit der Welt verkennen, gewissermaßen existentiell blind sind.

Ich bin anderer Meinung. Denn häufig sind gerade die Glücklichen die Blinden. Sie verschließen vor dem Elend unserer Welt die Augen, wagen nicht, die Schleier ihrer Wahrnehmung zu lichten und suhlen sich im Schlamm ihrer optimistisch-verblendeten Weltanschauungen. (Verzeiht das übertriebene Pathos.)
Depressive hingegen haben in den Abgrund geblickt und können oder wollen nicht mehr vergessen, was sie gesehen haben. Sie mit naivem Eifer zu drängen, sich mit panglossianischen Lügengebäuden zu trösten – wie es die meisten Religionen und viele Formen des Humanismus nun einmal sind  – wird nur ihre Gefühle des Unverstandenseins und der Einsamkeit verstärken. Viel effektiver und ehrlicher ist es, auf ihre Sicht der Dinge einzugehen und anzuerkennen (und sei es nur vorläufig), dass das Leben in diesem für menschliche Bedürfnisse und Träume tauben Universum kein Ponyhof ist. Danach kann man immer noch versuchen zu erklären, warum es sich dennoch zu leben und zu kämpfen lohnt.

Genau das ist das Ziel der folgenden Posts. Beginnen wir also mit dem ersten der fundamentalen Mängel der menschlichen Existenz.

1. Sozialer Status:  

Menschen, insbesondere männlichen Geschlechts, hegen den Wunsch hohen Status zu erlangen, von anderen beachtet und bewundert zu werden. Das Bedürfnis nach Anerkennung ist fast genauso elementar und notwendig für die eigene Zufriedenheit wie ein gefüllter Magen. Das sollte auch nicht verwundern. Diejenigen unserer Vorfahren, welche den Drang nach Status nicht hatten, haben folglich auch nichts getan, um selbigen zu erhöhen. Doch ohne sozialen Status bleibt unter anderem der Zugang zu paarungswilligen, fruchtbaren Weibchen versperrt und die Status-Indifferenten gaben folglich ihre Gene nicht weiter. Die evolutionäre Psychologie kann somit erklären, warum es so schwer ist, den Wunsch nach Anerkennung und Respekt zu unterdrücken, auch wenn dies erklärtes Ziel vieler Religionen oder anderer Psycho-Gurus ist. Wem das Abtöten des Wunsches nach sozialem Status in buddhistischer Manier nicht gelingt (und das schaffen die wenigsten), muss erkennen, dass er mit einer Quelle kontinuierlicher Frustration konfrontiert ist.

Bedauerlicherweise wird man an die eigene Mittelmäßigkeit nicht nur in vereinzelten Situationen erinnert. Nein, unaufhörlich und überall wird einem die eigene Mediokrität unter die Nase gerieben.

Werbung und Modezeitschriften halten uns täglich vor Augen, dass es Menschen gibt, die in jeder Hinsicht besser aussehen. Diese ästhetischen Übermenschen sind schlanker, muskulöser und größer; zudem mit makellosen, attraktiven Gesichtern gesegnet. Wie sollen wir da mit unseren 0815-Gesichtern und unseren von Speckschichten übersäten Körpern mithalten?  Nun gut, nicht so schlimm, wir sind ja Intellektuelle und keine oberflächlichen, vom Körperkult besessenen Teenies.

Aber leider legen viele Männer nun einmal höchsten Wert auf das Äußere und können schlichtweg keine romantischen Beziehungen mit Frauen anfangen, die ihren optischen Maßstäben nicht entsprechen. Und das nicht aus vorsätzlicher Grausamkeit. Die meisten Männer würden ihre ästhetischen Präferenzen wahrscheinlich transformieren, um sie auf diejenige Frau mit der tollsten Persönlichkeit anzupassen. Doch diese primitiven Triebe kann man so wenig verändern wie seine eigene sexuelle Präferenz. Ich wäre schon längst schwul oder zumindest bisexuell, wenn das möglich wäre. Wir sind Sklaven unserer Passionen. Das Ganze führt also zu viel Leid und Unzufriedenheit auf beiden Seiten. Die Männer sind mit der Attraktivität der eigenen Partnerin unzufrieden, bekommen schließlich Erektionsstörungen und schämen sich auch noch für ihre Primitivität. Die Frauen wissen Bescheid und haben Angst, dass ihr Partner sie irgendwann einmal nicht mehr begehrt und für eine hübschere Frau verlässt. Doch dazu mehr in einem späteren Post.

Im ökonomischen Sektor spielt sich Ähnliches ab. Andauernd werden wir mit Bildern von Segelyachten, Ferraris, Villen auf Sizilien und den neuesten Apple-Gadgets bombardiert, was uns vor Augen führt, wie wenig wir uns davon eigentlich leisten können. Mich persönlich schert das wenig, aber für die meisten Menschen ist es eine Qual. (Das schwache Geschlecht ist im vorherigen Absatz etwas besser weggekommen, aber das wird durch die folgenden Zeilen wieder ausgeglichen.)

Die meisten Männer streben vermutlich vor allem deswegen nach Reichtum und Macht, weil sie instinktiv wissen, dass viele Frauen darauf stehen. Ostentativer Konsum wird zwar oft belächelt, ist aber leider trotzdem ziemlich effektiv. Also versuchen die meisten immer und immer reicher zu werden und mehr und mehr Statussymbole anzuhäufen. Um sich das leisten zu können, muss man natürlich unzählige Stunden in einem monotonen Drohnen-Job absitzen. Doch dieses Rattenrennen hört nie auf. Es wird immer reichere Menschen geben. Man(n) lebt mit der ständigen Angst, dass einen seine Partnerin aufgrund ihrer hypergamen Instinkte für einen Millionär mit höherem Status verlässt, denn in unseren Zeiten ist die Scheidung ja nicht mehr wirklich verpönt.

Glücklicherweise haben wir Intellektuelle ja andere Maßstäbe und beugen uns nicht den Werten unserer materialistischen Mainstream-Kultur. Intelligenz, Bildung und Weisheit sind uns wichtiger als Reichtum und Wohlstand. Aber hier stoßen wir auf das selbe Problem.

Meine narzisstische Seite drängt mich persönliche Erfahrungen anzuführen: In meiner von Unbekümmertheit und Naivität geprägten Jugend träumte ich häufig davon, irgendwann einmal ein berühmter Wissenschaftler oder Philosoph zu werden. In der Schule gaben mir Lehrer und Mitschüler das Gefühl, ein kleines Genie zu sein. Auf der Universität wurde ich dann jedoch eines Besseren belehrt. Auf einmal war ich nicht mehr der King, und das obwohl ich viel mehr lernte als in der Schule. Manche meiner Kommilitonen hatten bessere Noten und besaßen ein umfassenderes Verständnis der Materie als ich, und das obwohl sie sich weniger anstrengten. Sie waren schlichtweg begabter. Da ich meinen Selbstwert vor allem über meine Intelligenz und mein Wissen bezog, war diese Erkenntnis natürlich ein Schlag ins Gesicht. Ein großer Teil meines Selbstkonzepts ging in diesen dunklen Monaten zu Grunde.

Mit 15 IQ-Punkten mehr wäre ich vielleicht Physik-Professor geworden, aber auch hier bleibt das Problem bestehen. Es wird (fast) immer Menschen geben, die intelligenter sind als man selbst, mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen vorweisen können, mehr revolutionierende Theorien entwickelt haben. Erst ab dem Level von Einstein oder Neumann dürfte die Sache ein Ende haben.

Das Gleiche gilt fürs Schreiben. Ich empfinde meinen Schreibstil oft als schwerfällig und plump. Zudem schreibe ich auch noch unendlich langsam und feile bisweilen Ewigkeiten an irgendeinem Nebensatz. Mir fehlt schlichtweg die Fähigkeit meine Gefühle und Gedanken treffend auszudrücken. Gott sei Dank habe ich schon früh den Traum vom Schriftsteller-Dasein aufgegeben, aber ähnlich müssen sich angehende Künstler fühlen. Sie haben etwas zu sagen, können es aber nicht. Als ob sie stumm wären. Und obendrauf sind sie ständig mit literarischen Meisterwerken konfrontiert, zudem arm, allein und unbekannt.

Ähnliches trifft natürlich auf Kunst, Musik, Sport und alle anderen möglichen Bereiche, Berufe und Tätigkeiten zu. Ihr versteht das Konzept, deshalb gehe ich nicht mehr im Detail darauf ein. Egal auf welchem Gebiet, es wird immer Menschen geben, die besser und begabter sind, mehr erreicht haben, höheren Status haben als man selbst. Und Dank der globalen Vernetzung konkurrieren wir heute wirklich mit der ganzen Menschheit. Vor 10.000 Jahren, in der Umwelt der evolutionären Angepasstheit gab es vermutlich noch einen anderen Ausweg. Hier mag es noch möglich gewesen zu sein, eine Nische zu finden, in der man tatsächlich der Allerbeste war, da der eigene Clan ja nur aus ein paar Dutzend Leuten bestand. Sicher, es gab dennoch extreme Status-Hierarchien, aber vielleicht war man der beste Jäger, oder der beste Holzschnitzer oder der beste Kleidungsmacher. Irgendwo konnte man schon brillieren.

Klar, auch heute wird man noch Tätigkeiten oder Freizeitbeschäftigungen finden, die von so wenigen Menschen betrieben werden, dass man aufgrund der geringen Konkurrenz der Beste sein kann. Aber wen interessiert es schon, dass man Weltmeister im Hot-Dog-Wettessen-ohne-Hände-auf-LSD ist?

Um die Sache etwas aufzulockern, erwarten euch in den nächsten Posts Alter und Krankheit, Tod und Vergänglichkeit, existentielle Isolation, die Unmöglichkeit “wahrer Liebe”, sowie Sinnlosigkeit und Absurdität.

See also: Rank Theory

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One Response to Pessimistische Psychotherapie I

  1. Pingback: Thoughts on Happiness [Happiness Sequence, Part 2] | wallowinmaya

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